Sonntag, 19. Februar 2023, 08:08 Uhr
von Prof. Dr. Sebastian Seiffert

Brücken bauen oder blockieren?

„Wie stehen Sie zu zivilem Ungehorsam?“ Oft wurde mir diese Frage gestellt; auch von mir selbst. Ich tue mich schwer mit einer Antwort; weil ich es echt nicht weiß. Dennoch dazu nun eine Einschätzung. Anlass gab eine Einladung der Letzten Generation.

Bevor ich den akademischen Weg einschlug, hatte ich ein Jobangebot aus der Industrie. Ein wirklich gutes, bei einem renommierten, weltführenden Chemiekonzern. Ich hatte dort zuvor satte zehn Interviews absolviert; in allen möglichen Abteilungen, quer über das Werksgelände. So verschieden diese auch waren, sie alle hatten eins gemein. In allen zehn Interviews wurde ich gefragt: „Wie gehen Sie mit Konflikten um?“ Das stimmte mich nachdenklich. Offenbar schien das in diesem Job-Umfeld echt wichtig zu sein. Am Ende lehnte ich ab; auch deswegen. Ich entschied mich für den akademischen Weg — auch, weil es dort möglich ist, Kooperation vor Konkurrenz zu stellen.

Ich bin ein konfliktscheuer Typ. Ich mag es harmonisch; möchte Menschen zusammenbringen. Ein Bild, das sich durch mein Berufsleben zieht, ist das einer Brücke. Ich benutze es oft als Symbol; etwa in meinen Vorlesungen, in meinem Forschungsprofil, in Projektskizzen. Eine Brücke schafft Verbindung. Und lässt uns neue Ufer erreichen.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 wurde ich erstmals auf die Aktionsform des zivilen Ungehorsams im Klima-Kontext aufmerksam. Ich kandidierte damals in Mainz um ein Direktmandat für die Klimaliste Rheinland-Pfalz.
Und in Berlin trat eine Gruppe namens Letzte Generation in den Hungerstreik. Ihre Forderung war ein öffentliches Gespräch mit den drei Kanzlerkandidierenden. Mich berührte das. Ich hatte Achtung vor dieser Entschlossenheit und Verzweiflung; zumal ich letztere selbst allzu gut kenne. Und ich hatte Mitgefühl um das körperliche Leid, das sich diese Menschen zufügten; nicht etwa für persönliche Vorteile oder Eigeninteressen, sondern für etwas, das uns alle betrifft.

Ein halbes Jahr später sah ich auf Twitter ein Video. Der NASA-Wissenschaftler Peter Kalmus hatte sich an ein Bankgebäude gekettet und sprach mit spürbarer Verzweiflung davon, dass er sich nicht mehr anders zu helfen wisse; in Sorge um seine Kinder. Ich fühlte mit ihm. Auch ich habe zwei Kinder. Und auch mich frisst in so manch schlafloser Nacht die Sorge um ihre Zukunft auf.

Es gab und gibt seither auch konfrontativere Aktionen. Protestierende kleben sich auf Straßen fest, beschmutzen Schutzscheiben vor Gemälden, legen Teile von Flughäfen lahm und plakatieren alarmierende wissenschaftliche Publikationen an Gebäudefassaden. Und damit wächst die Erregung. Es gab und gibt viele Stimmen dagegen; auch aggressive. Und es gab und gibt viele Diskussionen, ob dies dem Klimaschutz vielleicht eher schadet als dient; auch innerhalb der Klimaschutzbewegung.

Auch mich erreichte die Diskussion. Das Thema kam auf einem Podium zur Frage „Muss Wissenschaft lauter werden?“ auf, das ich mit-initiiert hatte. Ich sprach dazu in einem Radio-Interview, in Podcasts und in meiner doch eher skeptisch eingestellten Nachbarschaft. In all diesen Situationen positionierte ich mich eher unklar. Bezog nicht eindeutig Stellung. „Einerseits ... andererseits“ — so lauteten meine Einlassungen zu diesem schwierigen Thema. Ich bin eben konfliktscheu; und tue mich offenbar auch schwer damit, hierbei klar eine Seite zu beziehen.

"Klimaschutz geht nur zusammen." Mitschnitt eines Radio-Interviews auf hr-Info zum Protest der Letzten Generation vom 11.11.2022.

Und dann bekam ich Post. Einen Brief von der Letzten Generation, geschickt an meine Uni-Adresse. Es war eine Einladung zu einer Spendengala. Jetzt konnte ich nicht länger ausweichen. Jetzt musste ich mich entscheiden: für oder gegen aktiven Support. Am Ende lehnte ich ab — und schrieb eine lange eMail zur Erklärung.

Aktuell bin ich wieder in ähnlicher Lage. In Teilen der Scientists for Future läuft eine Debatte darüber, ob Blockaden der Letzten Generation vielleicht Rückhalt erhalten sollten; etwa indem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dahinter stellen und durch Wortbeiträge die bedrohliche Klimanotlage ins Bewusstsein der Umstehenden bringen. In Österreich und in Berlin hat das schon vereinzelt stattgefunden — und wurde überraschend positiv aufgenommen. Ich sehe darin grundsätzlich Potenzial, das Element der Irritation, das eine Blockade auslöst, mit dem mir besonders wichtigen Element der Information zu verbinden. Und doch zögere ich dabei.

Im Herbst 2022 erreichte mich eine Einladung der Letzten Generation zu einer Spendengala. Lange schob ich eine Antwort vor mir her; und sagte schließlich ab.

Wieso bin ich so zurückhaltend hinsichtlich einer aktiveren Unterstützung des zivilen Ungehorsams? Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal tue ich das -nicht- etwa deshalb, weil ich die Aktionen oder die, die sie durchführen, rigoros ablehne. In der Tat habe ich mit den so-betitelten „Klima-Klebern“ wohl mehr gemeinsam als mit jenen, die sie wüst beschimpfen. Um es mal so auszudrücken: Nicht einmal viele meiner engsten Fachkolleginnen und Fachkollegen verstehen die Klimanotlage so sehr wie jene, die ihre Verzweiflung darüber in zivilen Ungehorsam lenken.

Ja, auch ich bin Teil einer letzten Generation, die eine unkontrollierte Spirale in eine monströse Heißzeit noch verhindern kann; meine zwei kleinen Kinder können das nicht. Und auch ich habe bisweilen Zweifel, ob das eklatante politische Handlungsdefizit zur Umsetzung des (vom Bundestag einstimmig angenommenen!) Pariser Abkommens im Einklang mit Artikel 20a unseres Grundgesetzes ist.

Gleichzeitig sehe ich für mich andere Handlungsfelder als aussichtsreicher an. Etwa meinen Beruf. Dort kann ich als Wissenschaftskommunikator das Wissen um die Klima-Notlage verbreitern; nicht als Alarmismus, aber sehr wohl als Alarmierung. Und ich kann, gerade als Chemiker, in der Forschung Beiträge liefern. Vor allem für Schutzkonzepte gegen Klimafolgen. Ein Forschungsprojekt etwa liegt mir sehr am Herzen: In einem BMBF-geförderten Verbund zusammen mit Partnern aus dem Irak und Iran entwickeln wir Hydrogele für Wassergewinnungstechnologien im Mittleren und Nahen Osten. (www.hydrodesal.net). Diese Region ist ohnehin nicht gerade friedlich, und sollten dort Ressourcenkonflikte um Trinkwasser ausbrechen, wäre das furchtbar. Unser Projekt hat das Ziel, den Tag-Nacht-Rhythmus der Erde als Antrieb zu benutzen um Meerwasser zu entsalzen, so dass sich kleine Siedlungen am Persischen Golf selbständig damit versorgen können. Dabei bedeutet mir gerade die direkte Zusammenarbeit mit Partnern aus der betroffenen Region ganz viel. Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen sind die Fernsehbilder vom Irak-Iran Krieg in den 1980ern. Heute arbeite ich gemeinsam mit Wissenschaftlern aus beiden Ländern an einem Lösungsbeitrag zu dieser gemeinsamen Bedrohung. Und wenn ich sorgenvoll auf unsere hiesigen Pegelstände und Grundwasserspiegel schaue, so fürchte ich, dass solche Technologien absehbar auch hier gebraucht werden könnten.

Es sind Handlungsfelder wie diese, auf die ich meine ganze Kraft setze. Und ich denke, eine Beteiligung an Aktionen des zivilen Ungehorsams könnte mein Handlungspotenzial auf genau diesen Feldern schwächen.

Überdies fürchte ich eine Polarisierung der Gesellschaft. Klar, die verstärkt sich ohnehin, und wird vor allem befeuert von jenen, die dem Klimaschutz und dem Einsatz dafür aggressiv entgegenstehen. Aber es hilft nichts: es wurde und es wird auch wieder bei Aktionen des zivilen Ungehorsams zu Szenen kommen, die Gräben vertiefen. Etwa dann, wenn eben unklar ist, ob dadurch eventuell auch Rettungseinsätze verzögert werden. Und selbst wenn sich das (hoffentlich!) nicht wiederholen sollte, so haftet Straßen- und Flughafenblockladen auch stets ein Stück weit die Wahrnehmung einer elitären Anklagehaltung gegenüber Autofahrenden und Flugpassagieren an.
Und das bereitet mir Sorge. Weil ich zwei Jahre lang als Postdoc in den USA miterlebt habe, wie eine Gesellschaft aussieht, deren Polarisierung sie zerrissen hat. Die nicht mehr dialogfähig ist.

Was folgt nun daraus? Auch hier bin ich unsicher. Ich weiß nicht, ob der zivile Ungehorsam beim Klimaschutz hilft. Ich weiß auch nicht, ob er schadet. Es gibt dazu keine eindeutige Studienlage, sondern wesentlich mehr Meinung als Ahnung. Auch ich habe da keine Expertise. Und so kann ich am Ende nur das tun, was mir eine Mischung aus Kopf, Bauch, Herz und Verstand sagt.

Ich kann mir selber nicht vorstellen ungehorsam zu werden. Gleichsam weiß ich ebenso wenig, ob mein Verzweiflungslevel nicht vielleicht doch irgendwann so hoch sein wird, dass auch ich mich an ein Bankgebäude ketten oder dort Papers ankleben möchte. Es ist aber am Ende vielleicht auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass was immer wir tun ...wirksam ist. Dass wir Hebel bedienen, die uns zugänglich sind und die eine positive Wirkung entfalten können. Ich probiere dazu das, was ich gerne und (hoffentlich) auch gut mache, nämlich Forschung, Lehre und Wissenschaftskommunikation, auf allen Ebenen mit dem Klimaschutz zu verbinden. Und dadurch wirksam zu sein. Nicht um damit Aktionen des zivilen Ungehorsams zu diskreditieren. Sondern um ihnen eine andere Aktionsform an die Seite zu stellen, die ich für mich passender finde. Ganz im Sinne, damit Brücken zu bauen.